Autobiographie

Diana Wiedra


AUTOBIOGRAPHIE

 

Manchmal scheint es mir, ich sei in falsche Zeit und gar am falschen Planeten geboren worden. Die verschiedenen Ströme des Bluts meiner Vorfahren sind wohl in erbitterten Kämpfen miteinander verstrickt – viel zu sehr unterscheiden sich meine Vorfahren vom Charakter her, aber auch nach der nationalen und sozialen Zugehörigkeit. In meinen Adern fließt das blaue Blut der Fürsten und das edle Blut derjenigen, die sich ihr Brot mit schwerer Arbeit verdienten – Lehrer, Ärzte, Dorfpriester, Bauern. Die Verschiedenheit all dieser Strömungen zerreißt mich förmlich.

Beide Großväter waren Helden des Bürgerkriegs (1918-1920), aber sie standen auf der jeweils anderen Seite der Barrikade. Im Großen Vaterländischen Krieg war mein Vater Offizier der Roten Armee. Geheiratet habe ich einen Mann, dessen Vater im selben Krieg in den Diensten der Wehrmacht stand. Allerdings zeichnete sich der Schwiegervater durch eine Besonderheit aus: Er geriet bei Stalingrad in Gefangenschaft und brachte nach fünf Jahren – wer hätte das gedacht? – eine tiefe Sympathie für Russland nach Hause mit, was ihm seine Frau nie verzeihen konnte. (Übrigens auch Konrad Lorenz hegte nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft tiefe Sympathie für die Russen, was ihm manche Landsleute nie verziehen haben.)

Jetzt lebe ich schon seit über dreißig Jahren in Wien, mein österreichischer Mann aber ist ganz nach Moskau gezogen. Unser Sohn liebt ungeachtet sämtlicher Sanktionen sowohl sein österreichisches Vaterland als auch seine russische Heimat.

In meiner Kindheit ging auch vieles durcheinander – Übersiedlungen, immer wieder neue Schulen, neue Abenteuer, neue Freunde, neue Verluste, neue Bitternis…

Am liebsten von allen Menschen hatte ich meine russische Großmutter, Sophia Venedictovna Fedosejeva. Daher kommt auch mein Künstlername Sophia Benedict. Ihr habe ihr meine guten Seiten zu verdanken. Ihre Märchen liebte ich, bis heute lasse ich mich von ihnen leiten. Sie rezitierte Puschkin und Nekrassow, sang uns ihre Lieder vor. In mein Bewusstsein sickerte das Lied vom Räuberhauptmann Kudiar, der viel verbrochen hat, das später bitterlich bereute und ins Kloster ging, um Gott und den Menschen zu dienen. Das war die schönste Geschichte, die ich je gehört habe, es hat offensichtlich meine Weltsicht grundlegend beeinflusst: Die Welt ist hart, aber es gibt darin immer Platz für das Gute. Meine Großmutter starb, als ich zwölf war. Bald darauf ließen sich meine Eltern scheiden.

Das Schicksal führte mich mit meinem Vater nach Tbilissi in Georgien und später nach Abchasien. Mit dieser Zeit verbinde ich tiefe Traurigkeit, das Meer, die Palmen, felsige Strände, die erste scheue Liebe, den aufbrausenden Vater, die harte Stiefmutter und viele gute Freunde, von denen ich mich später wieder trennen musste...

Dann kam Kasan. Die Universität. Journalismus.

Schon als Schülerin schrieb und veröffentlichte ich, das war meine eigentliche und einzige Berufung, sowie auch Beruf. Während meinem Studium sammelte ich Lebenserfahrungen, indem ich in vielen Bereichen gearbeitet habe: als Schreibkraft, mobile Buchhändlerin, Sekretärin, Animateurin, Schneiderin und dann endgültig nach der Uni – Reporterin, Abteilungsleiterin und schließlich Chefredakteurin einer Zeitung. Später: Assistentin an der Hochschule für Theaterwissenschaft, Hörfunkjournalistin und sogar Filmschauspielerin und Drehbuchautorin für Film und Fernsehen.

Auch meine Weltsicht ist weiträumig. Ich habe die halbe ehemalige Sowjetunion bereist, lebte in der Ukraine, im Fernen Osten, in Georgien, Abchasien, an der Wolga und schließlich in Moskau. Nach meiner Übersiedlung nach Wien war ich Wissenschaftsjournalistin und Übersetzerin.

1995 erschien bei Nauka, dem renommiertesten russischen Wissenschaftsverlag, mein erstes Buch. Kurz danach erschienen von mir vier weitere Sachbücher, mit mir als Autorin und vier grundlegende psychoanalytische Werke, die ich aus dem Deutschen übersetzte.

Viele Jahre lang war ich für die zentralen Moskauer Zeitungen beim BKA in Wien akkreditiert. Hunderte meiner Artikel wurden in den russischen Medien veröffentlicht.

Es heißt, Arbeit sei zwar gut, aber man müsse auch etwas Nützliches tun. Außer der Malerei und Bildhauerei habe ich eine große Leidenschaft, die mein zweiter Beruf wurde, nämlich die Fotografie und als folge – Videotechnik.

Die Wanderlust verließ mich nicht: Als Ergebnis erschienen zwei Dutzend Bücher mit Reiseberichten.

Vor kurzem erschienen in Deutschland ein Lyrikband, zwei Romane und zwei Bänder mit Kurzgeschichten. Alle sowohl in russischer, wie auch deutscher Sprache. Derzeit arbeite ich an einem Roman über eine Österreicherin: ihr Schicksal und die schwierige Zeit, in der sie lebte.

Meinen Beruf und meine Art zu leben habe ich mir nicht ausgesucht, sie haben mich erwählt. Mein Publikum möge meine Schwermut vergeben: Ich schreibe über das Leben, und wer würde behaupten, dass das Leben lustig ist? Mein schöpferisches Kredo mag altmodisch klingen, aber ich betrachte die Werke über so genannte Antihelden sowie über Kriminelle als keine gute Literatur; für mich sind Darstellung von Gewalt und Glorifizierung moralischen Verfalls mit Literatur unvereinbar.

Schriftsteller zu sein bedeutet eine große Verantwortung. Wir wissen um die Vielschichtigkeit des Menschen. Sowohl das Gute als auch das Böse sind ihm eigen. Wenn ich nicht seine guten Seiten, sondern die niedrigsten Veranlagungen wecke, ist das ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Ein Künstler ist verpflichtet, die Entwicklung der zarten Sprosse des Guten zu unterstützen und damit Verständnis, Güte und ewige Werte zu fördern.

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